Stimmen

Hermann Pölkings Mammutwerk beginnt bewegend. Ein Maori-Chor erklingt. Der Gesang der neuseeländischen Ureinwohner ist ein Abschiedsgruß an die stolzen Krieger, die aufbrechen, um gegen Hitler zu kämpfen. Die Männer tanzen ausgelassen, bevor sie auf das Schiff Richtung Europa steigen. Fast die ganze Welt ist 1944 im Krieg gegen Nazi-Deutschland.
Lars Chowanietz, Oldenburgische Volkszeitung,(Vechta), 26. Juni 2017
Unheimlich nah.
Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 23. Juni 2017
Das aufschlussreichste Vergleichsunternehmen zu Pölkings Film sind Walter Kempowskis Textcollagen in dem „Echolot“-Projekt. Darin machte Kempowski den Versuch, aus Hunderten von Einzelstimmen ein kollektives Tagebuch des Zweiten Weltkriegs zu arrangieren. Natürlich war das ein Kunstwerk, zusammengeschmolzen auf Authentizität. Und so verhält es sich auch bei Pölkings Großwerk. Es hat Leitmotive, Kontraste, es setzt Hierarchien und erzeugt komische Effekte
Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 23. Juni 2017
Der Zuschauer wird also nicht unter die Überwältigungsästhetik der NS-Propaganda gezwungen.
Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 23. Juni 2017
Das Problem dieses Films ist nicht, dass er über der Frage ‚Wer war Hitler‘ ins ‚Spiegel‘-Coverhafte … oder gar ins Guido-Knopp-Abendprogrammhafte verfällt, sondern dass er sie jenseits des Titels weder stellt noch verhandelt. Der Film könnte auch ‚Anschauungen zum Alltag in Nazideutschland‘ heißen und zufällig anhand der Biografie Hitlers geordnet sein. Warum denn überhaupt die Frage nach Hitler? Warum dieser Führerfetisch, wenn es dann noch nicht einmal wirklich um ihn geht? Vielleicht ist diese Sehnsucht nach dem Rohen, Unkommentierten auch Ausdruck unserer allgemeinen Besessenheit vom ‚Echten‘(?)
Hannah Lühmann, Welt am Sonntag, 25. Juni 2017
‚Wer war Hitler?‘ Diese Frage stellt der Historiker Hermann Pölking in einem 7,5 Stunden langen Dokumentarfilm, der am Wochenende auf dem Filmfest München uraufgeführt wurde. Aufsehen erregte im letzten Jahr bereits Pölkings ausführliche Biographie ‚Wer war Hitler. Ansichten und Berichte von Zeitgenossen‘. Darin wurde dessen Leben und Wirken als Kaleidoskop aus Meinungen und Ansichten von Mittätern, Mitläufern, Profiteuren, Gegnern und Opfern gezeigt.
Ute Welty, Deutschlandfunk Kultur, 26. Juni 2017
Vier Jahrzehnte nach Fests Film bietet ‚Wer war Hitler‘ einen neuen und zeitgemäßen cineastischen Zugang: ‚Wer war Hitler‘ erklärt nicht, sondern liefert Informationen und Eindrücke zur Selbsterkenntnis, indem er Hitlers Leben und Wirken in ein umfangreiches Zeit- und Gesellschaftspanorama der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellt.
Dirk Dasenbrock, Oldenburgische Volkszeitung, (Vechta), 23. Juni 2017
Ganz großes Kino. Der Film ‚Wer war Hitler‘ ist eine monumentale Collage.
Dirk Dasenbrock, Oldenburgische Volkszeitung, (Vechta), 23. Juni 2017
‚Wer war Hitler‘“ ist zweifelsohne einer der faszinierendsten Dokumentarfilme zu diesem schwierigen Themenkomplex. Im Endeffekt wünscht man sich das komplette 20. Jahrhundert in dieser Art erzählt.
Matthias Pfeiffer, Abendzeitung, (München), 24. Juni 2017
Der Filmemacher hat es fast durchgehend vermieden, den schreienden Hitler bei einer seiner vielen erhaltenen Reden zu zeigen. Überhaupt ist der Film erstaunlich lärmfrei: Das Stummfilmmaterial ist dezent nachvertont, die Musik setzt subtile Akzente. Das populistische Auftrumpfen des hypnotischen Redners tritt in den Hintergrund - so schimmert mehr von der Substanz des Menschen durch.
Julia Hitz, dw.com, Deutsche Welle, 24. Juni 2017
Die immense Fleißarbeit des Autors und seines Teams bietet tatsächlich selbst denen noch etwas Neues, auch gelegentlich Aufregendes, die glauben, die Biografie Hitlers und die Geschichte des Dritten Reichs gut zu kennen.
Helmut Böger, Bild am Sonntag, 25. Juni 2017
Und um den ganzen einen oben drauf zu setzten, wurden die stummen Filme mit Geräuschen versehen. Wenn wir also Hitler und Goebbels sehen, wie sie in einem Waldstück am Obersalzberg spazieren gehen, hören wir gleichzeitig Vögelzwitschern, Schritte und Waldgeräusche. Dadurch entsteht ein besonders plastisches Bild, anstatt des geräuschlosen und unwirklich scheinenden Eindrucks, wie in üblichen Dokus. Denn man muss sagen: Die Geräuschkulisse ist hervorragend gemacht. Der Film zielt darauf ab, dass der Zuschauer selbst reflektieren und mitarbeiten muss, damit sich ein Lerneffekt oder ein Verstehen einsetzt.
Moritz Senft-Raiß, M94.5, Münchener Aus- und Fortbildungskanal, 25. Juni 2017
Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man meinen, Hermann Pölking wäre verrückt geworden. Denn der Bremer Schriftsteller, Publizist und Filmemacher behauptet, dass es ihm nie vorrangig um Adolf Hitler gegangen sei. Gleichwohl hat der 62-jährige in den vergangenen Jahren … weltweit in 112 Archiven recherchiert und 800 Filmquellen aufgetan, um schließlich 660 Minuten Film eben über Adolf Hitler zu produzieren sowie, quasi nebenbei, ein fast 800-seitiges Buch über den Diktator herauszugeben. Er habe Hitler einfach zum Thema machen müssen, klärt Pölking auf. Nur am Beispiel des Diktators habe er einen Dokumentarfilm entwickeln können, wie es ihn in Deutschland bislang noch nie gegeben habe: einen Film, der sich fast ausschließlich aus Archivmaterial zusammensetze, eine Collage aus Originalzitaten von Zeitgenossen. Ohne nachgestellte Szenen, ohne Historiker, die die Bilder vor der Kamera analysierten und ohne Fernsehregisseure, die versuchten, den Film an die gängigen Fernsehformate anzupassen.
Alexander Schnackenburg, Weser Kurier, (Bremen), 13. Dezember 2017